S A T A N I S M U S  H E U T E

Satanismus - was ist das denn bloß? Je nach herangezogener Quelle werden einem die verschiedensten Definitionen um die Ohren gehauen, dass es nur so knallt. Die weltanschaulichen Stellen der christlichen Kirchen haben sich auf die vom Black Metal verleiteten und vorrübergehend desorientierten Jugendlichen eingeschossen, wollen aber andererseits die Gefahr eines stramm organisierten 
Ordenssatanismus, streng geheim und natürlich mit monatlichen Menschenopfern, auch im Spiel halten.

Die Massenmedien, von den Boulevard-Formaten der Privatsender bis zur großen bunten Tageszeitung mit den vier Buchstaben, sind ob gelegentlicher Nachrichtenflauten gerne bereit, Klischees von nächtlichen Orgien auf Friedhöfen und weltweiten Verschwörungstheorien zu bedienen. Um so mehr, wenn einige pathologisch auffällige Einzeltäter im Namen "Satans" Morde begehen - was leider die ernsthafte Beschäftigung mit den eigentlichen Wurzeln solcher Schreckenstaten kaum erleichtert.
Bedenkenswert erscheint mir auch die Möglichkeit, dass Medien & Sektenbeauftragte erst die Stereotype liefern, die Soziopathen wie Moebius et al. dann aufgreifen (was sicher nicht die Ursache, aber immerhin die Form solches Verhaltens erklären kann) - im 17. Jahrhundert nahm die High Society übrigens gerne die lustgeschwängerten Phantasien zöllibatärer Geistlicher über Schwarze Messen als Vorlage für ihre Orgien.

Die Morde und Brandstiftungen der skandinavischen Black Metal-Szene der neunziger Jahre stellen sicherlich die dunkelste Episode all dessen dar, was in neuerer Zeit als Satanismus bezeichnet wurde. Gelegentliche rechtsradikale Einsprengsel im selbstgebastelten Gedankengut einiger Combos runden das Gesamtbild aufs Schönste ab.

Schmackhafte Einlage in diesem bunten Eintopf aus Sensationslust und halbwissenschaftlicher Aufklärung sind explizite "Satanisten" wie Satorius, der mit seinem "Schwartzen Orden" von Talk Show zu Talk Show tourt und dort so gerne wie ausgiebig eine etwas obskure Mischung aus LaVey, Neo-Heidentum und Rassenhygiene verbreitet.

Dementsprechend ist es weiter nicht erstaunlich, wenn der deutsche Durchschnittsbürger beim Stichwort "Satanismus" vor seinem inneren Auge einen etwas diffusen Polanski-Film von Vollmondritualen, Menschenopfern, Heavy Metal, Backward Masking und ähnlichem ablaufen sieht.

Beschränken wir uns in unserer kleinen satanischen Umschau auf den expliziten Satanismus (d.h. nur jenen, der sich selbst als Satanismus bezeichnet - und nicht alles, was dazu von außen gemacht wird), so bleiben im wesentlichen drei(durchaus miteinander hier und da verquickte) Hauptströmungen:

- Organisierter Ordens- und Logensatanismus
- Mehr oder minder organisierter Jugend- und Black Metal-Satanismus, 
  Einzel- und "Internet"-Satanismus
- In Einzelfällen: Psychopathischer und krimineller
  Einzel- oder Gruppensatanismus


[Diese Unterteilung ist in erster Linie funktionell und selbstverständlich nicht allgemein gültig. Strömungen wie der literarische Satanismus des Fin de Siècle beispielsweise spielen für diese Abhandlung keine Rolle.]

Ad I.)
Im Ordens- und Logenwesen werden von Weltanschaungsbauftragten und Medien gerne Gruppen "satanisiert", die dies mehr oder weniger entsetzt von sich weisen.
Dies betrifft zum einen heute noch Freimaurer-Vereinigungen und Winkellogen, vor allem aber die Gruppen, die auf der Thelema-Lehre von Aleister Crowley gründen. Prominenteste Beispiele sind der O.T.O. und die deutsche Fraternitas Saturni (F.S.), die beide rituell gelegentlich Teufel, Lucifer und Satan verwenden, aber eben nur als einen unter vielen Gottheiten und Archetypen ihres 
synkretistischen Kanons (gleichwohl existiert u.a. eine Veröffentlichung der F.S., die Satan und Lucifer als nieder und höhere Oktave Saturns versteht, über "Satanische Magie").

Als explizit satanistische Gruppierungen in Deutschland finden wir also v.a.:
- Die deutschen Grottos der Church of Satan [Webseite] [Artikel]
- Die deutschen Pylons des Temple of Set [Webseite]
- Deutsche Ableger des "Schwartzen Ordens von Luzifer" [Webseite]
- Die westdeutsche "In Nomine Satanas" (I.N.S.) [Webseite]
- zahlreiche kleinere Gruppen und Zirkel mit Internet- oder Black Metal-Affinität

Es darf nach meinen Informationen davon ausgegangen werden, dass von den obigen, im übrigen doch sehr gesetzestreuen Gruppen der "Schwartze Orden" mit nur ca. 50 Mitgliedern die mit Abstand (!) zahlreichste darstellt. Soviel immerhin zu der allgegenwärtigen Bedrohung durch den Ordenssatanismus.

Ad II.)
Einzelne, nichtorganisierte Satanisten haben mehrere mögliche inhaltliche Quellen.
Zum einen - wie bereits erwähnt - Berichte aus Presse und Fernsehen, die ja mehr mit optischen Stereoptypen (inverses Kreuz, inverses Pentagramm, schwarze Kleidung etc.) als inhaltlichen Aussagen aufwarten.
Zum zweiten Black Metal-Bands und ihre Veröffentlichungen, Videos, Lyrics etc.
Desweiteren literarische Quellen, sowohl im weitesten Sinne satanische Klassiker von de Sade über Nietzscheund Baudelaire bis Huysmans als auch die Literatur des modernen Satanismus, sprich die Veröffentlichungen LaVeys und okkulter Autoren der Verlage Second-Sight-Books, Bohmeier, Schikowski pp.
Als letzte und zunehmend wichtige Bezugsquelle bleibt das Internet. Was für alle in den Massenmedien falsch oder unterrepräsentierten gesellschaftlichen Strömungen gilt, gilt für den Satanismus insbesondere: Der unbeschränkte und unkontrollierte Zugriff für jedermann macht das Internet in besonderem Maße attraktiv. Nicht nur satanistische Gruppierungen, auch Shops, Verlage und v.a. Privatpersonen bieten eine mittlerweile schier unüberschaubare Fülle von Informationen, Foren, Communities und Angeboten.

Ad III.)
Hier müsste normalerweise die leidige Diskussion um Ei und Henne beginnen, die ich oben umrissen habe.
Es sei an dieser Stelle statt dessen gesagt, dass ein Psychopath, der ein Verbrechen begeht und dann hierfür "den" Satanismus (den es ja ohnehin nur in tausend verschiedenen Definitionen gibt) heranzieht, immer noch in erster Linie ein Psychopath ist. Schließlich gilt immer noch das alte Argument, dass ein christdemokratischer Massenmörder sicher auch legitimerweise keine Diskussion über das Verbot der CDU auslösen könnte. Es ist zwar verlockend, die exotische Ästhetik, derer sich die Täter bedienen, auch als Ursache der Tat 
heranzuziehen, kriminologisch haltbar ist es aber nicht.
Zum Ausmass des kriminellen Satanismus gibt es verschiedene Auffassungen; die Ereignisse rund um den "Ritual Abuse" inde USA, der sich schließlich größtenteils als Massenhysterie entpuppte (so das FBI!), sind hier sicher aufschlussreich. Die wenigen Fälle der letzten zehn Jahre in Deutschland erfuhren so viel mediale Beachtung, dass getrost davon ausgegangen werden kann, dass es weitere (zumindest aktenkundige, um korrekt zu bleiben) nicht gegeben hat.

Nach soviel technischen Details - wo im heutigen Satanismus stehen wir? Wo stehst Du? Suche, wäge, prüfe mit Bedacht - auf dass sich die obige Debatte für Dich erübrigen möge.
In Nomine Domini Inferi...

 Samhain 2002 e.v.