Giosuè Carducci (1835-1907) An Satanas Der alles Seins du Quell und Beginn bist, Geist und Materie, Vernunft und Sinn bist, Während im Glase der Wein uns glühet, wie durch das Auge die Seele sprühet, Während es lenzt und Himmel und Erde lechzen in stummer Liebesgebärde Und ein geheimes Hochzeitverlangen hält alle Schöpfung bräutlich umfangen, Steigt meiner Lieder kühnstes und bestes: Dich sing' ich, Satanas, König des Festes. Spar den Weihwedel, Pfaff, und dein Plärren, nicht läßt sich Satanas die Wege sperren. Siehe, der Rost frißt am mystischen Schwerte des heiligen Michael, der unbewehrte Erzengel flüchtet sich übel zerzaust nun, kalt ist der Blitz in Jehovas Faust nun. Gleich Meteoren, erloschnen Sternen, regnen die Engel aus Himmelsfernen. In der Materie, der jung' und alten Herr der Erscheinungen, Herr der Gestalten, Lebt allein Satanas. Vom Herrschersitze des schwarzen Auges schleudert er Blitze, Sei's, daß es sonnig lachend verführe oder durch Tränen schimmernd uns rühre. Er glänzt im frohen Blute der Traube, das unsre Seele läutert vom Staube, Das uns das flüchtige Leben erneuert, Sorgen besänftigt, Liebe anfeuert. Du atmest, Satanas, in meinem Singen, wenn's aus der Brust mir braust mit ihm zu ringen, Den Päpst' und Kaiser i h r e n Gott nennen, daß wie ein Blitzstrahl die Herzen brennen. Dir, finstrer Ariman, Fürst der Verdammten, lobsangen Magier, Altäre flammten, Als durch die jonischen Lüfte gezogen kam Aphrodite auf blauen Wogen. Dich als Adonis in rauschenden Hainen mußte die hehre Kypris beweinen. Für dich erglühten reine Jungfrauen in Tanz und Reigen auf grünen Auen Unter den Palmen an Edoms Gestaden, die sich im kyprischen Wellenschaum baden. Wenn auch, berauscht von der Raserei jener mystischen Mahle, die Nazarener Mit heil'ger Fackel den Tempeln nahten, griechischer Bildner Träume zertraten. Treu birgt dich Flüchtling noch unter den Laren der biedre Bauer vor frommen Barbaren. Dann, einen weiblichen Busen erwählend und mit der Hexe dich, Gott, vermählend, Treibst du die blassen gehetzten Frauen, heilende Säfte Kranken zu brauen. Des Alchymisten fieberndem Starren, des einsamen Zaubrers harmvollem Harren Läßt du des Klosters Wölbungen schwinden, strahlend neue Himmel sie finden. In der thebaischen Wüste verborgen, floh dich des Mönches trauriges Sorgen. O ihr Verstoßenen aus Paradiesen, gütig ist Satanas: sehr Heloisen! Während in härenen Säcken ihr büßet, er mit horazischen Versen versüßet Euch die davidischen Trauergesänge; delphischer Formen frohem Gedränge, Glyceras Rosen, müssen die bleichen Wangen verbitterter Schwarzröcke weichen, Andere Bilder schönerer Zeiten in die schlaflosen Zellen euch gleiten. Es läßt aus Livius im nächt'gen Schweigen Tribunen, Konsuln, Quiriten steigen. Träumend von römischer Macht, auf den Hügel des Kapitols, Mönch, heben dich Flügel. Die ihr den Flammen trotztet, den grimmen, Wiclef und Huß, ihr Prophetenstimmen, Jauchzt in die Lüfte die frohe Kunde: Nun wird es Frühling, schon schlug die Stunde! Ja, schon erheben Mitren und Kronen, aus Klöstern murren Rebellionen, Kämpfen und predigen unter der Stola von Frau Girolamo Savonarola. Ab warf die Kutte Luther. Dich kränken Fesseln? Zerbrich sie, menschliches Denken! Schimmre und blitze, eherner Krieger, auf, o Materie, Satan ist Sieger. Ein schön' und schreckliches Ungeheuer reißt sich los, rast über Land und Meer; Feuer Schnaubend und rauchend gleich den Vulkanen, erstürmt's die Berge wie ebne Bahnen, Fliegt über schwindelnd tiefe Abgründe, donnert durch düstre Höhlen und Schlünde, Schießt heraus, ungezähmt, durchsaust Felsklüfte, gleich wie ein Wirbelwind pfeift's durch die Lüfte. Gleich wie ein Wirbelwind atmet es mächtig: Vorbei fährt Satanas furchtbar und prächtig! Er fährt, von Ort zu Ort Wohltat zu tragen, auf unhaltsamem feurigem Wagen. Heil dir, o Satanas, Kettenzerbrecher, gefangnen Denkens Befreier, Rächer! Dir laß uns opfern, zu dir uns beten: Du hast den Gott der Priester zertreten!